Are you sure?

Über diese Reihe. Dies ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein Essay in vier Teilen. Ich stelle mehr Fragen, als ich beantworte. Wo ich Zahlen nenne, ist die Quelle angegeben. Wo ich mir nicht sicher bin, sage ich es. Und wenn ich über andere Plattformen schreibe, versuche ich, fair zu sein. Mit Mahalle habe ich ja selbst ein Pferd im Rennen. Die vier Teile bauen aufeinander auf und jeder Teil endet mit einer Frage, die der nächste Teil aufgreift.

Wo redet der Kiez eigentlich?

Im Schillerkiez leben 28.330 Menschen, wie das Amt für Statistik für die vier Planungsräume, die den Schillerkiez umfassen, zählt (Stand: 30.06.2026). Wenn sie sich online über ihre Nachbarschaft austauschen, dann nutzen sie Facebook-Gruppen, WhatsApp- und Telegram-Chats, die Plattform nebenan.de – und seit dem Sommer auch Mahalle. Jede dieser Plattformen fühlt sich ähnlich an: ein Feed, ein paar Beiträge, jemand sucht einen Bohrer, jemand hat eine Katze gefunden.

Unter der Oberfläche sind sie jedoch sehr unterschiedlich. Die Unterschiede werden erst sichtbar, wenn man vier einfache Fragen stellt.

  1. Wem gehört die Plattform?
  2. Womit verdient sie Geld?
  3. Was passiert mit den Daten?
  4. Wer entscheidet über die Regeln?

Ich habe diese vier Fragen den Plattformen gestellt, die in unserem Kiez eine Rolle spielen, sowie zwei europäischen Plattformen, die man hier kaum kennt und die einen anderen Weg gehen. Mahalle steht in derselben Tabelle mit denselben Fragen.

Die Tabelle

Wem gehört sie?GeldquelleDatenWer entscheidet?
nebenan.deGood Hood GmbH, Berlin; seit 2020 Mehrheit bei Hubert Burda Media (laut taz: 61 %)Spenden der Nutzer:innen, bezahlte Unternehmensprofile (240–996 €/Jahr), Werbung; laut bpb 2023 damals „noch nicht profitabel”„nicht anonym nutzbar”: Klarname und Adressprüfung Pflicht. Profilangaben (Interessen, Alter, Geschlecht, Familienstand, Kinder, Haustiere) werden für „Vermarktung und Personalisierung” genutzt; mit Einwilligung eine geräteübergreifende Werbe-ID (ID5), die „mit unseren Werbepartnern und anderen Drittanbietern geteilt” werden kann. Keine Weitergabe von Name/Adresse, kein Verkauf.Das Unternehmen. Keine Mitgliederrechte.
NextdoorNextdoor Holdings, Inc., börsennotiert (NYSE)„Substantially all of our revenue is currently generated from the sales of advertising” (Geschäftsbericht 2025)Klarname und Adresse Pflicht. Werbung auf Basis der Mitgliederdaten; „gehashte E-Mails und Werbekennungen” gehen an Werbepartner; Werbetreibende dürfen umgekehrt Daten über Mitglieder liefern (Interessen, frühere Einkäufe, Adresslisten). Daten werden in die USA übertragen.Das Unternehmen; ehrenamtliche „Leads” moderieren.
Facebook-GruppenMeta PlatformsWerbungLaut Metas Datenschutzrichtlinie werden die Daten über alle Meta-Dienste hinweg (Facebook, Instagram, Messenger) für Personalisierung und Werbung genutzt; keine OrtsprüfungDie Gruppen-Admins setzen die Gruppenregeln – innerhalb der Regeln von Meta. Lokal autonomer als nebenan.de; strukturell dieselbe Lage wie Mahalle: eine Handvoll Admins.
Hoplr (Belgien)PrivatunternehmenKommunen und öffentliche Stellen zahlen Lizenzen; für Bewohner:innen kostenlos, laut Anbieter „keine Werbung”Nach eigenen Angaben über 1,2 Mio. Nutzer:innen und 250 Kommunen in sechs Ländern. Ob und was eine Kommune von den Gesprächen sieht, beschreibt die Datenschutzseite (zuletzt 2021 aktualisiert) nicht klar.Das Unternehmen.
Smiile (Frankreich)Privatunternehmen (u. a. Maif Avenir)Kostenlos für Bewohner:innen; Vermieter, Städte, Projektentwickler zahlenLaut Anbieter werbefrei, Hosting in der EU. Die Datenschutzerklärung konnte ich nicht einsehen.Das Unternehmen.
Mahalle (Schillerkiez)Eine Person. Ich.Keine Einnahmen. Der Gebietsfonds Schillerpromenade hat die Infostände gefördert; die Technik kostet fast nichtsKeine Werbung, kein Werbe-Tracking, keine Profilbildung; bindend in der Lizenz. Technische Dienstleister gibt es trotzdem: Hosting (Vercel, Frankfurt), Datenbank (MongoDB Atlas, Frankfurt), Bilder (Cloudinary), E-Mail-Versand (Resend, EU), Fehlerberichte (Sentry, EU), automatische Inhaltsprüfung (OpenAI) und Übersetzung auf Knopfdruck (DeepL) – alle im Datenschutzhinweis genannt. Der Wohnort wird geprüft – aber nicht per GPS oder Postkarte, sondern durch Menschen, die einen kennen (siehe unten).Im Moment: ich. Das Manifest verspricht den Übergang in gemeinschaftliche Trägerschaft – wie, davon handelt Teil 4.

In der Tabelle fehlen WhatsApp- und Telegram-Gruppen: Sie sind im Kiez zwar wichtig, aber ich habe keine belastbaren Quellen dazu gefunden und möchte nicht spekulieren. Quellen für jede Zeile stehen am Ende. Drei Dinge fallen auf.

Erstens: „Werbefrei” ist nicht dasselbe wie Unabhängigkeit. Hoplr und Smiile zeigen zwar keine Werbung, aber jemand bezahlt trotzdem: die Kommune, die Wohnungsgesellschaft oder der Energieversorger. Dieses Modell ist ehrlicher als Werbung, verschiebt die Frage aber nur: Wer zahlt, redet mit. Mahalle hat vom Gebietsfonds des Quartiersmanagements einen kleinen Betrag für Flyer und Stände erhalten – auch das ist öffentliche Finanzierung, auch das ist eine Beziehung, die offengelegt werden muss.

Das DIW Berlin hat 2022 mit US-Daten von 2016 vermessen, wie groß der Werbeapparat hinter einer Facebook-Gruppe ist – mit Vorsicht zu genießen: Facebook könnte technisch im Schnitt 52 Prozent der von seinen Nutzer:innen besuchten Websites und rund 40 Prozent ihrer Online-Zeit beobachten, der größte Teil davon außerhalb von Facebook. Ob das Unternehmen dies tut, misst die Studie nicht, sondern lediglich die Möglichkeit. Ein geladener „Gefällt mir”-Button genügt, klicken muss niemand. Aus den Daten der Nutzer:innen ließen sich auch Eigenschaften von Menschen schätzen, die nie ein Facebook-Konto hatten. Die Forscher:innen nennen das Datenexternalitäten. Wer also die Kiez-Gruppe bei Facebook betreibt, bringt auch die Nachbarn mit, die gar nicht drin sind.

Zweitens: Keine dieser Plattformen gehört den Menschen, die sie nutzen: weder nebenan.de noch Nextdoor, Facebook oder Mahalle. Bei den großen Plattformen gehören sie Aktionär:innen oder einem Medienkonzern. Mahalle gehört mir. Das ist zwar kleiner, aber strukturell nicht besser. Darauf komme ich im vierten Teil zurück.

Drittens: Vertrauen kann auf verschiedene Weise hergestellt werden. Nebenan.de und Nextdoor prüfen den Wohnort technisch mithilfe von GPS, SMS, Postkarte und Datenabgleich. Die Nextdoor-Forschung weiter unten zeigt, dass dies Vertrauen schafft. Mahalle prüft den Wohnort ebenfalls, aber anders: Bisher habe ich jede Anmeldung von Hand bestätigt, weil ich die Leute kenne oder am Stand getroffen habe. Dieser Prozess speichert keine zusätzlichen Daten und ist skalierbar – ab einer gewissen Anzahl von Nutzer:innen funktioniert es jedoch nur, wenn Nachbar:innen füreinander bürgen und wir uns regelmäßig irgendwo im Kiez sehen. Genau das ist der Plan und der Unterschied zwischen einer Plattform, die Daten prüft, und einer, die Menschen kennt. Ob das auf Dauer funktioniert, wird sich zeigen.

Was man über nebenan.de wissen sollte – ohne draufzuhauen

Nebenan.de erhält hier den meisten Platz, da es sich um die Plattform handelt, die neben Mahalle im Kiez tatsächlich existiert. Nebenan.de ist mit rund 3,6 Millionen Nutzer:innen (taz, August 2025) die größte Nachbarschaftsplattform in Deutschland. Die Plattform hat vieles richtig gemacht: Klarnamen, Adressprüfung, ein sauberes Design, eine gemeinnützige Tochtergesellschaft (die nebenan.de Stiftung gGmbH), die lokales Engagement fördert. Ich will sie nicht schlechtreden. Aber sie ist ein Unternehmen mit einem Medienkonzern als Mehrheitseigner und ein Konzern ist kein Verein. Die taz berichtete im Sommer 2025 von gemeinnützigen Initiativen, deren Beiträge wegen „Gewinnabsicht” gelöscht wurden, sowie von einer Regel, nach der ein bezahltes Profil benötigt wird, wenn ein Beitrag mehr als dreimal in sechs Monaten geteilt wird. Der Geschäftsführer sagte, das Angebot für Gemeinnützige werde überprüft. Das ist kein Skandal. Es ist die Logik des Modells.

Auf die Frage „Verkauft nebenan.de meine Daten an Dritte?” antwortet die Hilfeseite: „Nein, wir geben deine persönlichen Daten keinesfalls an Dritte weiter oder verkaufen sie.” Das stimmt – im engen Sinn. Name und Adresse werden nicht weitergegeben. In der Datenschutzerklärung (Stand: Oktober 2026) ist jedoch auch beschrieben, dass Profilangaben für „Vermarktung und Personalisierung” genutzt werden und dass Nutzer:innen, die im Cookie-Dialog einwilligen, eine geräteübergreifende Werbe-ID erhalten, die „mit unseren Werbepartnern und anderen Drittanbietern geteilt” werden kann. Es findet also kein Datenverkauf statt, aber es wird ein Werbesystem genutzt. Beides ist wahr.

Ein Satz aus einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2023 hat mich nicht mehr losgelassen. Jonas Pentzien vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung sagt dort sinngemäß: Die Betreiber profitieren von den Daten der Nutzer:innen, die Nutzer:innen haben kein Mitspracherecht und Plattform-Genossenschaften wären eine Alternative, aber die Rechtsform allein garantiere noch kein Gemeinwohl. Der Beitrag heißt „Nachbarschaftsplattformen: mehr als ein Geschäftsmodell”. Ich finde: Der Titel ist eine Hoffnung, kein Befund.

Was die Forschung sagt

Es gibt nur wenige Forschungsergebnisse zu digitalen Nachbarschaften, aber einige davon sind für den Schillerkiez relevant.

  • Die Studie „Vernetzte Nachbarn” (adelphi für den vhw, 2018) hat nebenan.de und Facebook-Gruppen in deutschen Quartieren untersucht. Ergebnis: Die Plattformen stärken schwache Bindungen zwischen Nachbarn – gut. Die Nutzer:innen sind aber überwiegend Mittelschicht, gebildet, Mitte vierzig. Menschen mit Migrationsgeschichte nutzen sie deutlich seltener. In einem Kiez, in dem Türkisch, Arabisch, Englisch und Deutsch auf derselben Straße gesprochen werden, ist das kein Detail. Es ist die halbe Nachbarschaft.
  • Eine frühe Nextdoor-Studie aus Atlanta (Masden u. a., CHI 2014) fand, dass die Adressprüfung Vertrauen schafft – aber auch Inseln: Wer eine Straße weiter wohnt, ist draußen. Und: Die Gründer:innen der Nachbarschaften hatten Mühe, Nachbarn zu werben, weil die unsicher waren, was das Unternehmen später mit ihren Daten machen würde.
  • Rahim Kurwa (2019) beschreibt Nextdoor in den USA als „digitally gated community”: Die Rubrik „Crime & Safety” wurde zum Ort, an dem Schwarze Nachbarn als verdächtig gemeldet wurden. Nextdoor hat darauf reagiert und sagt, das Problem sei um 75 Prozent zurückgegangen. Die US-Verhältnisse sind nicht Neukölln – aber die Lehre ist übertragbar: Wie eine Plattform gebaut ist, entscheidet mit, wer sich dort sicher fühlt.

„Das war nicht unvermeidlich”

Trebor Scholz, der den Begriff „Plattform-Kooperativismus” geprägt hat, schreibt in seinem 2023 erschienenen Buch Own This! einen Satz, den ich mir ausgedruckt habe:

„This evolution of the internet was not inevitable, nor was it the consequence of a transhistorical fact about technical advancement; rather, it was the product of decisions taken by legislators and business leaders.”

Frei übersetzt bedeutet das: Dass das Internet so geworden ist, wie es ist – zentralisiert, werbefinanziert und von wenigen Konzernen kontrolliert – war keine Naturgewalt. Es waren Entscheidungen. Und was einmal entschieden wurde, kann auch anders entschieden werden.

Das gilt auch für die kleine Frage, wo ein Kiez online redet. Die Antwort „bei Facebook, weil alle da sind” ist eine Entscheidung. Das Gleiche gilt für die Antwort „bei nebenan.de, weil es das gibt”. Mahalle ist mein Versuch, eine dritte Möglichkeit auszuprobieren. Ob sie besser ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die ersten vier Fragen bei Mahalle anders beantwortet werden als bei allen anderen in der Tabelle und dass eine davon, die Eigentumsfrage, genauso wenig zugunsten der Nutzer:innen beantwortet ist wie bei den großen Plattformen.

Doch was bedeutet es eigentlich, dass eine Plattform jemandem „gehört”? Wem sollte sie gehören – den Betreibern, den Geldgebern, der Stadt oder den Nachbar:innen? Genau darum geht es im zweiten Teil.

→ Teil 2: „Wem sollte die Plattform gehören?” – Über Trebor Scholz, Plattform-Genossenschaften und eine belgische Kooperative, deren Mitglied ich bin.


Quellen