Teil 3 von vier. Teil 2 endete mit einem Eingeständnis: Bei Mahalle verdient niemand Geld. Derzeit sind es knapp neunzig Mitglieder, und wir wachsen jeden Tag – langsam, aber stetig: Menschen, die den Wert der Plattform erkennen, kommen Tag für Tag dazu; wir legen ein solides Fundament und gehen die Sache konsequent an. Gemessen an Plattformen mit Millionen Nutzer:innen ist das trotzdem nichts. Ist es deshalb zu klein, um irgendetwas zu bedeuten? Quellen wie immer am Ende.
Die falsche Frage
Im Herbst 2022, als Elon Musk Twitter kaufte, kursierte eine Idee: Warum kaufen die Nutzer:innen den Laden nicht selbst? Nathan Schneider hatte so etwas schon 2017 vorgeschlagen – eine Beteiligungsgesellschaft, Stimmrechte nach Beitrag zum Netzwerk. Trebor Scholz erzählt die Geschichte in Own This! mit Sympathie und winkt dann ab. Wie soll eine demokratische Entscheidung mit hunderten Millionen Nutzer:innen aussehen? Sein Fazit:
„Creating smaller, cooperatively owned alternatives to Twitter is a more feasible short-term goal than attempting to take over a massive social platform.”
Kleinere, genossenschaftliche Alternativen zu bauen ist realistischer, als den Riesen zu übernehmen. Das klingt bescheiden, ist aber eine Kampfansage an eine bestimmte Art zu denken. Nick Srnicek, einer der klügsten Kritiker der Plattformökonomie, hält Genossenschaften entgegen, dass Facebook „the weight of its existing data, network effects, and financial resources” habe, um jeden Konkurrenten abzuwehren – das Gewicht seiner Daten, seiner Netzwerkeffekte, seines Geldes. Scholz gibt ihm in der Sache recht. Nur sei das, schreibt er, „the right answer to the wrong question”: die richtige Antwort auf die falsche Frage. Die Frage lautet nicht, wie man Facebook schlägt.
Dass Srnicek mit den Fakten richtig liegt, zeigt übrigens eine deutsche Studie ziemlich genau. Das DIW hat 2023 untersucht, wie viel zusätzliche Daten einem Anbieter eigentlich bringen. Ergebnis: Für die meisten erstaunlich wenig – ein Fünftel der untersuchten Websites (klickgewichtet) lieferte schon rund 95 Prozent der Vorhersagequalität. Nur ein Anbieter profitierte durchweg stärker von jedem weiteren Datenpunkt: Google. Wer schon groß ist, wird durch Daten noch größer; alle anderen laufen in eine Sättigung. Wer also eine Nachbarschaftsplattform baut, um nebenan.de oder Nextdoor bei deren Spiel zu schlagen, hat verloren, bevor er angefangen hat. Mahalle spielt dieses Spiel nicht. Das ist keine Tugend aus Not, das ist die Pointe.
Drei Arten zu wachsen
Scholz unterscheidet drei Arten von Wachstum: scaling up – mehr Nutzer:innen, mehr Umsatz, mehr Markt; scaling out – das Modell an anderen Orten wiederholen; und scaling deep. Letzteres definiert er als Wert, der an einem bestimmten Ort entsteht, durch „mindful, culturally aware, participatory practices that prioritize care and the deepening of relationships” – durch achtsame, kulturell bewusste, beteiligende Praxis, die Fürsorge und die Vertiefung von Beziehungen in den Mittelpunkt stellt. Man muss den Satz zweimal lesen, weil er so gar nicht nach Software klingt. Aber genau das ist die Wachstumsrichtung, die für einen Kiez Sinn ergibt: nicht mehr Leute, sondern dichtere Verbindungen zwischen den Leuten, die da sind.
Die Beispiele, die Scholz dafür findet, kommen nicht aus dem Silicon Valley, sondern aus Italien. In Perugia übernahmen Anwohner:innen ein geschlossenes Kino in einem Viertel mit Kriminalitätsproblemen und machten daraus ein Kulturzentrum. Sie nennen es ihr „city commons”, ihr Stadt-Gemeingut, und – so Scholz – „they are in charge of what happens there”: Sie bestimmen, was dort passiert. In Genua betreibt die Genossenschaft Il Cesto einen Fair-Trade-Laden, rettet überschüssige Lebensmittel und veranstaltet Kulturabende; angefangen hat sie mit Hilfe für Kinder in Not, heute arbeitet sie mit Mitgliedern, Freiwilligen und Menschen aus dem Viertel zusammen. Von vier Mitgliedern 2015 auf vierzig. Vierzig, nicht vierzigtausend.
Italien hat für solche Gebilde sogar einen Begriff: cooperative di comunità, Gemeinschaftsgenossenschaften. Scholz beschreibt sie als Zusammenschlüsse, die „goods or services that benefit the broader community” herstellen, „transcending the boundaries of their own membership” – Güter und Dienste für das ganze Gemeinwesen, über den Kreis der eigenen Mitglieder hinaus. Der Kreis der Beteiligten, schreibt er an anderer Stelle, könne „as far as all residents of a small town” reichen: bis zu allen Einwohner:innen eines kleinen Orts. Das ist, mit einem Jahrhundert Verspätung und ohne Kino, ziemlich genau das, was ich mit „Mahalle” meine. Ein Kiez mit 28.330 Menschen in vier Planungsräumen – so steht es in den Kiez-Daten auf Mahalle, Stand Mitte 2026 – ist ein kleiner Ort.
Scholz hat für diese Art von Werkzeug ein Bild, das ich mag: Plattformgenossenschaften seien „like an IKEA wrench, designed to fit specific screws and bolts, rather than a multipurpose tool like a Swiss Army knife” – wie der kleine Inbusschlüssel aus dem IKEA-Karton, gemacht für ganz bestimmte Schrauben, nicht wie ein Schweizer Taschenmesser. Facebook ist das Taschenmesser. Mahalle ist der Schlüssel, der zu einem Regal passt: dem Schillerkiez.
Was ein Marktstand mit Vertrauen zu tun hat
Es gibt einen praktischen Grund, warum klein nicht nur erlaubt, sondern nützlich ist, und er steht bei Scholz in einem Nebensatz über Up & Go, die Putzgenossenschaft aus Brooklyn: „The physical proximity of co-op members living in a particular location facilitates decision-making.” Dass die Mitglieder am selben Ort wohnen, macht Entscheidungen leichter. Stocksy dagegen, die Fotografen-Genossenschaft mit Mitgliedern in 65 Ländern, verliert nach seiner Beobachtung an emotionaler Bindung. Nähe ist kein Hindernis für Demokratie, Nähe ist ihre Bedingung.
Bei Mahalle ist diese Nähe bisher sehr konkret: Ich sehe jede Anmeldung, und das Zeichen „Kiez-verifiziert” vergebe ich von Hand. Entweder ich kenne die Person, oder wir haben uns am Stand auf dem Schillermarkt getroffen, oder jemand, den ich kenne, kennt sie. nebenan.de löst dieselbe Aufgabe mit GPS, SMS und Datenabgleich – technisch sauber, und ich habe in Teil 1 geschrieben, dass das Vertrauen schafft. Nur schafft es ein anderes Vertrauen: Vertrauen in eine Prüfung, nicht in Menschen.
Mein Verfahren skaliert nicht, das war mir von Anfang an klar. Ab ein paar hundert Leuten geht es nur noch zu dritt: Erstens eine monatliche Kennenlern-Stunde irgendwo im Kiez, bei der man sich anmeldet, indem man hinkommt – ein QR-Code am Tisch, ein Gesicht dazu. Zweitens die Einladung als Bürgschaft: Wer von einem verifizierten Mitglied eingeladen wird, trägt das Zeichen mit – das gibt es seit Oktober. Drittens, für alle, die niemanden kennen, eine Postkarte mit Code an die Adresse – der Notausgang, nicht die Regel, und noch nicht gebaut. Keines der drei braucht GPS, SMS oder einen Adressabgleich. Die ersten beiden setzen voraus, dass man sich sieht; die Postkarte ist für die, bei denen das nicht geht.
Nathan Schneider nennt das Prinzip dahinter in Governable Spaces Subsidiarität: Entscheidungen so nah wie möglich an den Menschen, die sie betreffen, in Räumen, die „small enough to be governable” sind – klein genug, um regierbar zu sein. Das Gegenteil ist Skalierbarkeit, die auf Automatisierung und weltweit gleichen Regelbüchern beruht. Schneider zitiert dazu die Anthropologin Anna Tsing mit einem Satz, der auf jede Plattform-AGB passt: „Scalability never fulfills its own promises.” Skalierbarkeit hält ihre Versprechen nie. Wer einmal versucht hat, bei einem Konzern einen gesperrten Account zurückzubekommen, weiß, was gemeint ist.
Ein Leser fragt: Und wer zahlt?
Nach Teil 2 schrieb mir ein Leser aus dem Kiez – nennen wir ihn K. –, die Eigentumsfrage sei ihm zu philosophisch. Eigentum regelten Gesetze und Verträge. Die eigentliche Frage sei eine andere: Jedes Projekt braucht Menschen, die Zeit hineinstecken, Zeit kostet irgendwann Geld, und die Möglichkeiten, das zu decken, seien begrenzt und bekannt. Ihm wäre es am liebsten, solche Plattformen würden aus Steuergeld bezahlt – wie Sportvereine, wie soziale Einrichtungen.
K. hat recht mit der Frage, und er hat, ohne es zu wollen, das beste Beispiel gleich mitgeliefert. Ein Sportverein lebt von drei Dingen: Mitgliedsbeiträgen, Ehrenamt und öffentlichem Geld – die Halle stellt der Bezirk, Zuschüsse kommen vom Land. Trotzdem gehört der Verein nicht dem Bezirk, sondern seinen Mitgliedern. Wer zahlt, entscheidet nicht automatisch. Finanzierung und Eigentum sind zwei verschiedene Fragen, und man kann sie getrennt beantworten.
Mahalle ist diesen Weg schon ein Stück gegangen, ohne es so zu nennen. Der Gebietsfonds Schillerpromenade – Bezirksgeld, von einer Jury aus Anwohner:innen vergeben – hat die Infostände im September und die Flyer mitfinanziert, 320 Euro. Eigentümer ist der Bezirk dadurch nicht geworden, und er wollte es auch nicht werden. Weitere Unterstützung ist in Sicht – von lokalen Preisen und Fonds, und von einer internationalen Stiftung, die seit Jahrzehnten gesellschaftliches Engagement fördert; mehr dazu, sobald es offiziell ist. Das Prinzip bleibt dasselbe: Das Geld kommt von außen, die Entscheidungen bleiben im Kiez. Scholz schlägt für genau diese Konstellation vor, Kommunen könnten „noncontrolling shares” halten, die sie zu „nonvoting members” machen – Anteile ohne Kontrolle, Mitgliedschaft ohne Stimme.
Er warnt im selben Atemzug: „Continued reliance on government funding carries obvious risks; cooperatives should be bottom-up institutions, not top-down ones.” Dauerhafte Abhängigkeit von Staatsgeld sei riskant; Genossenschaften müssten von unten wachsen. Start-up-Hilfe ja, Leine nein. Die Lösung, die er beschreibt, heißt anchor institutions: Ankerinstitutionen vor Ort – ein Nachbarschaftszentrum, eine Stiftung, ein Bezirksamt –, die „vital logistical support” leisten und „continuity during changes in local government” sichern: Räume, Kontakte, Kontinuität, auch wenn sich im Rathaus die Mehrheiten ändern. Für den Schillerkiez sind das naheliegend die Stadtteilzentren und Nachbarschaftstreffs um die Ecke, die seit Jahren Nachbarschaftsarbeit machen, Räume haben und eigene Kalender führen; erste Gespräche laufen. Nicht als Konkurrenz: Sie bringen Menschen in einen Raum, Mahalle gibt ihnen dazwischen eine Pinnwand. Beides braucht der Kiez.
Womit K.s Frage nur halb beantwortet ist. Anker, Beiträge, Zuschüsse – das trägt Räume und Flyer. Es trägt nicht die Person, die nachts den Code schreibt. Dazu gleich.
Katalysator, nicht Ersatz
Eine Sache muss ich noch klarstellen, weil sie leicht verloren geht, wenn man über Plattformen schreibt: Mahalle ist nicht der Ort, an dem Nachbarschaft stattfindet. Der Ort ist die Straße, der Markt, der Hof. Die Plattform ist der Zettel am Schwarzen Brett, der dafür sorgt, dass man sich dort trifft. Im Manifest steht, Mahalle sei ein Werkzeug „zum Üben der kleinen demokratischen Muskeln: hinkommen, zuhören, widersprechen ohne Verachtung, morgen wieder versuchen”. Und im Guide für neue Nachbar:innen steht die ganze Philosophie in drei Wörtern: „zusagen und hingehen. Darum geht’s ja.” Die Forschung zu digitalen Nachbarschaften sagt seit Jahren dasselbe in nüchterner: Nachbarschaft findet in „hybriden Räumen” statt, in denen sich analog und digital überlagern – eine Plattform ohne Treffen ist ein Forum, ein Treffen ohne Plattform erreicht nur die, die zufällig vorbeikommen.
Schneider formuliert es als Übung: „Political skills can form only if we practice them in our most ordinary interactions.” Politische Fähigkeiten bilden sich nur, wenn man sie im Alltäglichsten übt. Ein Gießdienst für die Baumscheiben, eine Abstimmung über den Namen des Sommerfests, ein Streit über den Lärm – das sind die Gewichte. Die Plattform ist die Hantelbank. Niemand wird stärker, weil er eine Hantelbank besitzt.
Und wer macht das alles?
Bleibt die Stelle, an der K. und Scholz und Schneider sich treffen, und an der dieser Text ehrlich werden muss. Scaling deep, Bürgschaften, Kennenlern-Stunden, Ankerinstitutionen – das alles setzt voraus, dass jemand es tut. Zurzeit ist dieser Jemand ich. Ich prüfe die Anmeldungen, kümmere mich um den Kiez-Brief, stehe am Stand, beantworte K. Das ist kein Vorwurf an irgendwen, es ist der Zustand einer Plattform, die seit dem Sommer existiert. Aber es ist auch genau die Situation, vor der Schneider warnt:
„People experience self-governance as burdensome when they are not adequately provided for in doing it.”
Selbstverwaltung fühlt sich als Last an, wenn die Menschen, die sie leisten, nicht versorgt werden – mit Zeit, mit Information, mit Mitteln. Wer von Nachbar:innen verlangt, eine Plattform zu tragen, muss ihnen etwas geben, womit sie das können. Und wer verspricht, sie in gemeinschaftliche Trägerschaft zu übergeben, muss sagen, wie.
Das Manifest verspricht das seit April. Im vierten und letzten Teil geht es darum, was dieses Versprechen kostet – und warum Mahalle keine Genossenschaft ist. Noch nicht.
→ Teil 4: „Mahalle ist keine Genossenschaft. Noch nicht.” – über ein Versprechen aus dem April, über digitale Generalversammlungen, und darüber, was passiert, wenn der eine Mensch, der alles macht, einmal nicht kann.
Quellen
- Scholz, R. T. (2023): Own This! How Platform Cooperatives Help Workers Build a Democratic Internet, Verso. Twitter-Übernahme und „smaller, cooperatively owned alternatives”: Kap. 2 (Abschnitt zu Nathan Schneiders Vorschlag von 2017; Scholz’ Einwand „tyranny of the majority”). Srnicek-Zitat und „right answer to the wrong question”: Kap. 3. Scaling up / out / deep, Definition von scaling deep: Kap. 3. Up & Go und „physical proximity”: Kap. 3. Stocksy (65 Länder): Kap. 3. Anchor institutions, „vital logistical support”, „continuity during changes in local government”: Kap. 3. „Continued reliance on government funding …”: Kap. 3 (Kerala-Passage). „noncontrolling shares” / „nonvoting members” (Scholz’ Policy-Papier 2022, zitiert in): Kap. 2. IKEA-Schlüssel: Kap. 4 („Bread and Roses for All”). Community cooperatives, Definition und „all residents of a small town”: Kap. 4 und 6. Perugia-Kino, „city commons”: Kap. 5. Genua, Il Cesto (4 → 40 Mitglieder seit 2015): Kap. 6.
- Schneider, N. (2024): Governable Spaces. Democratic Design for Online Life, University of California Press (open access). Subsidiarität vs. Skalierbarkeit, „small enough to be governable”, Tsing-Zitat „Scalability never fulfills its own promises”: Kap. 3. „People experience self-governance as burdensome …”: Kap. 5 („Provisioning Governable Space”). „Political skills can form only …”: Epilog.
- Ullrich, H., Hannane, J., Duso, T., Peukert, C., Aguiar, L. (2023): „Daten als Wettbewerbsvorteil: Regulierer und Wettbewerbsbehörden sollten aufmerksam bleiben”, DIW Wochenbericht 27/2023. https://www.diw.de/de/diw_01.c.876513.de/publikationen/wochenberichte/2023_27_1/daten_als_wettbewerbsvorteil__regulierer_und_wettbewerbsbehoerden_sollten_aufmerksam_bleiben.html
- Becker, A., Göppert, H., Schnur, O., Schreiber, F. (2018): „Die digitale Renaissance der Nachbarschaft”, Forum Wohnen und Stadtentwicklung (vhw), S. 206–210 („hybride Räume”). Siehe auch Schreiber/Göppert (2018), „Vernetzte Nachbarn”, adelphi/vhw, in Teil 1.
- Mahalle-Manifest: /blog/das-mahalle-manifest (Zitat: Abschnitt „Was Mahalle ist”); Langfassung: https://github.com/atakee72/mahalle-digital/blob/main/MANIFESTO.md. Gründungsnachbar:innen-Guide: /blog/gruendungsnachbarn-guide (Punkt 4).
- Schillerkiez, Einwohnerzahl: 28.330 (Stand 30.06.2026), Summe der vier Planungsräume Schillerpromenade Nord (8.182), Schillerpromenade Süd (7.095), Wartheplatz (6.665), Silbersteinstraße (6.388); Quelle Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, aufbereitet in den Kiez-Daten auf Mahalle: /schillerkiez.
- Gebietsfonds Schillerpromenade: 320 Euro Förderung für Infostände und Flyer („MaHalle Digital – Dein Kiez, deine Plattform”), September 2026.
- Leser „K.”: E-Mail an den Autor, Oktober 2026, anonymisiert und sinngemäß wiedergegeben.