Are you sure?

Als mein Kollege und Freund Ercan Atak mich bat, einen Artikel für die Website „Mahalle“ zu schreiben, kamen mir viele Gedanken. Vor allem aber weckte der Name Erinnerungen. Bilder aus meiner Kindheit tauchten auf, Gesichter, vertraute Straßen und Geschichten aus einer Zeit, die längst vergangen ist und mir doch nahe geblieben ist.

„Mahalle“ lässt sich wohl am ehesten mit dem Berliner Wort „Kiez“ übersetzen. Doch was bedeutet das eigentlich – ein Kiez? Für mich beginnt die Antwort dort, wo ich aufgewachsen bin.

Meine Kindheit verbrachte ich in einer kleinen Stadt am Schwarzen Meer mit etwa fünftausend Einwohnern. Unsere Mahalle umfasste einen Umkreis von vielleicht fünfhundert Metern. Eine sichtbare Grenze gab es nicht. Trotzdem wussten wir Kinder ganz genau, wo unser Viertel endete und das nächste begann.

Überschritten wir diese unsichtbare Linie, betraten wir fremdes Gebiet. Dann wurden unsere Schritte vorsichtiger. Wir achteten darauf, niemanden herausfordernd anzusehen. Auch das gehörte zur Mahalle: das Gefühl, irgendwo dazuzugehören, und das Wissen, anderswo zunächst ein Fremder zu sein.

Später zogen wir nach Istanbul, nach Çarşamba im Stadtteil Fatih. Dort war unsere Mahalle größer; sie erstreckte sich ungefähr über einen Kilometer. Doch das Entscheidende blieb gleich: Jeder kannte jeden. Das galt in unserer kleinen Stadt am Schwarzen Meer ebenso wie in Istanbul. Ich spreche von den fünfziger Jahren, als Istanbul noch weniger als eine Million Einwohner hatte.

Die Zugehörigkeit zur Mahalle spielte in unserem Leben eine große Rolle. Man wohnte nicht einfach nebeneinander. Man nahm Anteil am Leben der anderen, kannte ihre Freuden und ihre Sorgen.

Fast jeden Abend bekamen wir Besuch aus der Nachbarschaft. Zuerst wurde Kaffee getrunken. Anschließend widmete man sich dem Kaffeesatz. In jeder Mahalle gab es Frauen, die seine Zeichen zu deuten verstanden – oder denen man diese Gabe zumindest zuschrieb. Auch meine Mutter gehörte dazu.

Die leere Tasse bedeutete also keineswegs das Ende des Abends. Nun begann erst die Zeit der Geschichten. Aus den Spuren des Kaffeesatzes entstanden Hoffnungen, Vorhersagen und Erzählungen. Man hörte zu, fragte nach und ließ sich mitnehmen. Wenn ich heute daran denke, erinnere ich mich vor allem an diese geselligen Stunden, in denen niemand auf die Uhr zu schauen schien.

Auch die Hilfsbereitschaft unter den Nachbarn ist mir unvergessen.

Bei vielen Beschwerden suchte man damals zunächst Hilfe in der unmittelbaren Umgebung. Es gab Frauen, die Spritzen verabreichten und die man vertraulich „İğneci Teyze“ oder „İğneci Abla“ nannte – die Tante oder die große Schwester, die Spritzen geben konnte. Andere galten als kundig bei Verrenkungen, Knochenbrüchen oder Rückenbeschwerden. Man vertraute ihrer Erfahrung. Statt eines Gipsverbandes verwendete man mitunter mit Eiweiß bestrichene Binden.

So sah ein Teil unseres damaligen Alltags aus.

In der kleinen Stadt übernahm sogar der Friseur gelegentlich die Rolle des Zahnarztes, wenn ein schmerzender Zahn gezogen werden musste. Sein Werkzeug war meist eine einfache Zange. In Istanbul gab es zwar bereits richtige Zahnärzte. Waren sie jedoch nicht zu erreichen, sprangen in dringenden Fällen noch immer jene Helfer ein, die man aus der Nachbarschaft kannte – inzwischen manchmal mit etwas modernerem Gerät.

Es waren andere Zeiten, mit einfachen Mitteln und manchen Unzulänglichkeiten. Was mir davon besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die Selbstverständlichkeit, mit der man füreinander da war.

Diese Hilfe beschränkte sich nicht auf Krankheiten. Ob es um eine Hochzeit ging oder um Schwierigkeiten in der Schule: In der Mahalle fand sich jemand, der mit anpackte oder Rat wusste. Ein guter Gymnasiast gab den jüngeren Kindern Mathematikunterricht. Jeder brachte ein, was er konnte.

Über die Mahalle könnte ich stundenlang erzählen. Eine Erinnerung führt zur nächsten, und hinter jeder öffnet sich eine Tür zu einem Menschen, einem Haus, einer längst verklungenen Stimme.

Als ich in den fünfziger Jahren nach Deutschland kam, begegnete mir manches davon wieder. Hier hieß es „Kiez“. Auch er war ein Ort der Begegnung und des Gedankenaustauschs.

In fast jeder Straße gab es ein oder zwei kleine Läden, in denen man das Nötige für den täglichen Bedarf kaufen konnte. Oft waren es nur fünfzig oder hundert Meter bis dorthin. Diese kurzen Wege führten nicht bloß zum Einkauf. Man traf Bekannte, blieb stehen, wechselte ein paar Worte und erfuhr, was in der Nachbarschaft geschehen war.

Die Nachrichten des Kiezes wurden mündlich weitergegeben. Sie wanderten von Tür zu Tür, über Ladentische und durch Treppenhäuser. So blieb man miteinander verbunden.

Wenn ich nun an die Website „Mahalle“ denke, wünsche ich mir, dass sie etwas von diesem Geist aufnimmt. Dass sie einen Ort schafft, an dem Menschen erfahren, was in ihrer Nachbarschaft geschieht, ihre Geschichten miteinander teilen und einander näherkommen.

Vielleicht kann aus dem Lesen ein Gespräch entstehen, aus einem Gespräch eine Bekanntschaft und daraus eines Tages jene Vertrautheit, die für mich seit meiner Kindheit zu einer Mahalle gehört.

Denn Heimat beginnt für mich auch dort, wo man einander kennt, nach dem anderen fragt und weiß: Wenn ich Hilfe brauche, ist jemand in der Nähe.


Okay Foçalı ist Diplom-Ingenieur, beeidigter Übersetzer und Dolmetscher und Maler. Er kam in den fünfziger Jahren nach Deutschland und lebt in Berlin.